Auf den Hund gekommen
Viele von uns Web 2.0-Geschädigten haben im vergangenen Jahr das preisgekrönte Buch „The Long Tail“, in Deutschland etwas unpassend als „Der lange Schwanz“ erschienen, gelesen. Darin beschreibt Wired-Chefredakteur Chris Anderson die oft unterschätzte Kraft von Nischenmärkten: Es gilt wieder gezielt Marktlücken auszumachen statt partout auf die Masse zu setzen, so die zentrale These. Dennis Rottler scheint da eine ähnliche Auffassung vom Netzbusiness zu haben: Mit seinem 2008 gestarteten Hundebedarf-Shop Wauzikontor kann er inzwischen ein solides, kontrolliertes Wachstum an den Tag legen.
Inzwischen gibt es sogar Pläne für weitere Ableger – Grund genug für ein kurzes Q&A. Dennis kenne ich bereits seit knapp acht Jahren, ohne ihn auch nur einmal in persona getroffen zu haben. Wir haben immer wieder mal miteinander zu tun, allem voran wenn es um gutes Web- und Grafikdesign geht – wie gut Dennis das beherrscht, sieht man meiner Meinung auch an seiner wunderbar dezenten, intuitiv aufgeteilten Shopseite. Here we go…
Tritus.de: Hallo Dennis. Zunächst einmal die obligatorische Frage: Wer bist du und was machst du?
D. Rottler: Ich bin Gestalter, Unternehmer und Kaffeebotschafter. Seit geraumer Zeit betreibe ich die Werbeagentur CUBUS28. Unser jüngster Spross heißt Wauzikontor, der seit Januar 2008 stetig meine sowieso schon knappe Freizeit auffrisst.
Tritus.de: Wie bist du ausgerechnet auf die Idee gekommen „Hundecommerce“ zu machen?
D. Rottler: Das war recht nahe liegend: (e)Commerce aus dem schlichten Grund, näher am Markt zu sein und nicht nur als Beobachter, Berater und Gestalter anderen Unternehmen den Sprung ins „Haifischbecken“ zu erleichtern. Kurz: Wir wollten die Seiten wechseln. Das Thema Hunde ist ebenfalls schnell erklärt: Ich liebe Hunde, schon von Kindesbeinen an. Neben diesen Erfahrungswerten gab es natürlich auch praktische Erwägungen: Hundehalsbänder und Leinen sind unempfindliche, robuste Artikel, die weder beim Versand noch bei der Lagerung große Eigenheiten aufweisen und dazu auch keine große Beratungsintensivität besitzen. Das war der Startschuss für die ersten konzeptionellen Arbeiten im Januar 2008.
Tritus.de: Das Thema Tiere ist im deutschen Onlinehandel kein unbeschriebenes Blatt: Spontan denke ich bei Hundebedarf & Co. immer an Zooplus. Wie steht ihr zu solchen alteingessenen Playern und wie hebt ihr euch von ihnen ab?
D. Rottler: Zooplus ist natürlich gewichtig und als Vollsortimenter breit aufgestellt. Das ist allerdings auch gleichzeitig unsere Chance in der Nische tiefer zu gehen: Wir versuchen das Produktsortiment gezielt an den Punkten zu ergänzen und zu vertiefen, wo die großen Vollsortimenter es verpassen. Das zielt auch auf den regulären Handel wie z.B. Fressnapf ab. Aktuell können wir nur dann punkten, wenn wir uns das „Schlachtfeld“ aussuchen - im Bereich Logistik oder Preisstrategie brauchen wir gar nicht erst auflaufen, da haben die „großen“ etablierte, gut geölte Systeme oder bieten genügend Reserven, um das locker wegzustecken.
Neben diesen Produktentscheidungen versuchen wir das Produktsortiment so übersichtlich zu halten, dass wir wirklich alle Artikel vorrätig haben und das im Onlinehandel weit verbreitete „Dropshipping“ zu vermeiden. Kunden, die bestellen, sollen den Artikel sofort haben, nach dem er durch unsere Hände ging und geprüft wurde, und nicht erst umständlich über den Großhändler verschickt wurde, wo wir nicht wissen, ob der Artikel überhaupt noch lieferbar ist. Das ist insgesamt kapitalintensiver und mindert durch das schmalere Sortiment den Umsatz erheblich. Wir sehen hier aber langfristig die Chance, über eine gesund gewachsene Kundenstruktur, die hoch zufrieden mit uns ist, viel stabiler und gefestigter im Markt zu stehen.
Tritus.de: Wie ist dein bisheriges Resümee der ersten Monate und was steht bei euch in Zukunft an?
D. Rottler: Es herrscht ein verdammt raues Klima - einerseits natürlich bei den für einen Shop überlebenswichtigem Google Platzierung und dem dazugehörigen Linkaufbau. Andererseits bei den teils zähen Verhandlungen mit Herstellern, die natürlich oft genug nicht direkt an uns liefern wollten, sondern nur über den Großhandel. Da musste einiges an Aufklärungsarbeit reingesteckt werden, wer Wauzikontor ist und wo Wauzikontor hin will.
Mittlerweile stehen wir aber solide da, haben Zugriff auf das Produktsortiment aller größeren Hersteller, wobei wir uns bewusst für ein kompaktes Sortiment entschieden haben, dass dafür stets verfügbar ist. Das klappt natürlich nicht immer, da teils noch unkalkulierbare Schwankungen im Bestellaufkommen bestehen, die sich mit unserem bisher dünnen Zahlenmaterial noch nicht präzise voraussagen lassen. Kurzfristig geht’s natürlich wie bei allen Neugründungen ums nackte Überleben: Wir befeuern Wauzikontor aus allen Rohren und das kostet Geld. Mit der Werbeagentur können wir natürlich viel abfangen, aber Ziel ist schnell den Bereich zu erreichen, wo Wauzikontor selbstständig ohne fremde Hilfe wachsen kann.
Tritus.de: Die Logistik ist eine der größten Herausforderungen für ein wachsendes eCommerce-Geschäft. Wie ist dahingehend der Stand der Dinge bei Wauzikontor?
D. Rottler: Das ist richtig, mit strukturellen Entscheidungen steht und fällt ein Shop. Wir haben den Vorteil, in einem Nischenbereich mit einem überschaubaren Volumen zu agieren, so dass wir recht entspannt wachsen und den Logistikpart stetig nachskalieren können. Wir haben eine knapp 500m² große ehemalige Ausstellungshalle eines Autohauses zur Verfügung, die wir aber erst zu einem 1/6 wirklich nutzen. Eine Skalierung für die nächsten 2-3 Jahre ist also gewährleistet, dann schauen wir weiter. Durch unser kompaktes Sortiment ist die Lagerhaltung insgesamt übersichtlich, die Artikel sind über unser Warenwirtschaftsystem erfasst und räumlich nach Produktgruppen sortiert.
Tritus.de: Ihr seid bislang eigenfinanziert. Ist Venture Capital für euch ein Thema im Zuge einer möglichen Wachstumsfinanzierung?
D. Rottler: Nein, weniger aus eigener Eitelkeit als aus handfesten Gründen. Der Markt ist gefestigt und bereits von großen, gut aufgestellten Unternehmen durchsetzt. Ich sehe da keine Chance in irgendeiner Form ein überproportionales Wachstum lostreten zu können - dafür müsste man diesen gefestigten Markt schon radikal erschüttern. Das ist einerseits schwierig bis vermutlich unmöglich, andererseits auch nicht mein Stil. Ich bin ein Kind der „Internetboomzeit“ samt Internetblase, habe wie viele andere als Angestellter im Agenturbüro übernachtet, täglich neue Kollegen begrüßt und dann miterlebt, wie riesige, aber unpersönliche Internetfirmen zerbrachen und für mich die Entscheidung getroffen, langfristig und mit Augenmaß an die Dinge heranzugehen und unser „Baby“ natürlich wachsen zu lassen.
Tritus.de: Für dieses Vorhaben wünsche ich euch weiterhin viel Erfolg, vielen Dank für Deine Zeit.
Veröffentlicht in Case Study

January 16th, 2009 at 16:01 Uhr
[...] Mein alter Online-Mitstreiter und seines Zeichen Web2.0 Veteran Gleb Tritus hat es sich nicht nehmen lassen, ein kleines Interview mit uns zu führen, viele interessante Details sind zu erfahren, hier gehts zum Interview. [...]
July 21st, 2009 at 17:25 Uhr
Sehr guter bericht, war sehr Interessant zu lesen.
January 11th, 2010 at 22:59 Uhr
Ein guter und informativer Bericht. Danke