Wahlkampf 2.0
Ja, wenn schon bei uns minutiös darüber berichtet wird, wie ein Senator aus Illinois Hanteln hebt, dann kann man sicherlich von einem erfolgreich aufgebauten Hype sprechen:
Die Digitalanzeige meines Crosstrainers zeigt 420 verbrauchte Kalorien an, als ein Mann im Anzug durch die Tür tritt und mich auf Englisch anspricht: „Gleich kommt der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama. Er möchte gern hier trainieren. Bitte vermeiden Sie es, zu telefonieren und ihn anzusprechen!“
Welch’ Dramatik, die die BILD hier schon im Einleser aufbaut. Wow! Ich fand die Rede eigentlich ganz inspirierend und kann nicht ganz nachvollziehen, wieso sich gerade in der hiesigen Web 2.0-Gemeinde plötzlich so viele Nasen als Kritiker hervortun: Was habt ihr denn erwartet?
[ad] Der Typ muss sich der Weltöffentlichkeit verkaufen. Und das geht nur, wenn er von A bis Z wirklich alles oberflächlich anschneidet, was irgendwie für jeden auf dieser Welt von Belange ist, ohne dabei auch nur einen Schritt konkret zu werden – schließlich ist er ja noch nicht gewählt.
Unabhängig davon habe ich mich mal durch sein allgegenwärtiges Webaufgebot geklickt. Ich wusste ja, dass sein Wahlkampfteam bei Facebook umtriebig ist, aber dass er dermaßen aktiv auf allen Hochzeiten tanzt, hätte ich nicht im Entferntesten gedacht: Obama hat ein MySpace-Profil, er twittert, veröffentlicht Fotos bei FlickR, hat ein LinkedIn-Profil sowie regelmäßig gepflegte Accounts bei allen sonstigen relevanten Social Networks, ja sogar bei den großen Special-Interest-Angeboten wie Faithbase, BlackPlanet und AsianAve.
Da braucht man gar nicht erwähnen, dass sein Team auch einen Blog führt, Klingeltöne verkauft („Obama Mobile“) und seine Leute über das Social Network My.BarackObama zusammentreibt. Wahnsinn! Vielleicht taucht er nach seinem Deutschland-Besuch bald auch auf StudiVZ und Xing auf? So oder so gebührt dem Beraterstab großes Lob, denn hier hat man durch und durch verstanden, wie man junge Wähler anspricht. Wen wundert es da noch, dass das Durchschnittsalter seiner lautesten Anhänger sogar im fernen Berlin irgendwo zwischen 20 und 30 Jahren lag?
Gegenkandidat McCain wird ebenfalls von einem jungen, recht Technologie-affinen Wahlkampf-Chef angetrieben. Sein Werk stinkt im Vergleich zu Obamas Web-Donnerwetter aber gewaltig ab: Blog, Wählercommunity und Viralwidgets („Recruit five Friends“) mögen bei diesem Vergleich nur für deutsche Verhältnisse unglaublich fortschrittlich wirken.
So denn, let’s go change the world!
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