Wie schon damals bei den Shopping-Clubs probiere ich neue eCommerce-Konzepte stets gerne aus der ganz normalen Kundensicht aus. Momentan spricht alle Welt über Groupon. Die Idee aus Chicago ist simpel, genial und alles andere als neu: Für Ballungszentren wie New York oder London werden für kurze Zeit lokale Deals angeboten, z.B. Restaurant-Gutscheine in Höhe von 50 USD Dollar für nur 25 USD. Der Deal kommt erst zustande, wenn sich eine bestimmte Anzahl an Nutzern bereit erklärt ihn zu kaufen. Über die Masse werden dann teilweise sehr lukrative Rabatte eröffnet. Gleichzeitig erlebt so manches kleine Kosmetik-Studio oder Cocktail-Bar plötzlich den zweiten Besucherfrühling.
[ad]In einer abgewandelten Form scheiterte vor einer gefühlten Ewigkeit Letsbuyit (heute ist nur noch eine Preissuchmaschine geblieben) an diesem eigentlich doch so einleuchtenden Modell der kollektiven Kaufkraft. In Deutschland gibt es aktuell einen Gründerrun wie damals bei Twitter. Dabei haben sich besonders Citydeal und Dailydeal hervorgetan, die im Januar bereits zusammen etwa 60.000 Unique Visitors auf ihren Seiten hatten. Tendenz stark steigend.
Seit zwei Wochen hagelt es in meinem Outlook Einladungen zu jenen Seiten, auch werden ordentlich Anzeigen bei Facebook & Co. rausgefeuert. Kurzum: Momentan kann man sich dem Hype kaum entziehen. Frohen Mutes habe ich zunächst Citydeal ausprobiert, das mit 4 Millionen Euro Risikokapital von Otto, Holtzbrinck und den Samwers aggressiv auf Wachstumskurs gebracht wird.
Meine Eindrücke zu den ersten drei Deals, die ich gekauft habe:
1. 5 EUR-Starbucks-Gutschein für 1 EUR
Ein geniales Lockangebot für den Start: Die Kaffeehaus-Gänger der Großstädte sind der Inbegriff der Groupon-Zielgruppe. Der Deal hat entsprechend eine immense virale Dynamik bei Facebook & Co. entwickelt. Am Ende hat es so gut funktioniert, das der Schuss total nach hinten losging: In Foren und Blogs mehrten sich Beschwerden und Gerüchte, u.a. dass die Aktion nicht mit Starbucks Deutschland abgesprochen war.
Am Ende war das Chaos perfekt: Statt einen E-Mail-Gutschein zu versenden, den man ausgedruckt zu Starbucks mitnehmen sollte, überweist Citydeal seinen Nutzern momentan 5 EUR aufs Konto. Die Rendite soll mal einer nachmachen! Nichtsdestotrotz: Verwirrend.
2. 24 EUR Sushi für 12 EUR
Als Stammkunde der beliebten Kölner Sushi-Bar Blue Marlin kam der Deal genau richtig. Es hatten sich bereits ausreichend Leute gefunden, also kam der Deal garantiert zustande. Prompt kam auch der E-Mail-Gutschein, den ich paar Tage später eingelöst habe.
Dabei habe ich mir das Konzept auf der Dienstleisterseite erklären lassen: Für jeden mitgebrachten Gutscheincode liegt dem Restaurantbetreiber eine Art „Gegencode“ vor, mit dem er die Echtheit verifizieren kann. Das kann ein bisschen dauern, musste die gute Frau doch erstmal im Ordner mit den vielen Code-Tabellen kramen.
Beiläufig erfuhr ich, dass der Gutschein nur für ein bestimmtes Menü gilt und nicht zur freien Auswahl. Darauf hatte Citydeal in der Beschreibung hingewiesen, wenn auch etwas ungenau. Ich habe es überlesen, also selber Schuld! Diesen Deal hatte Citydeal übrigens in zwei Tagen 323 Mal verkauft – für einen Minibetrieb mit ca. 20 Sitzplätzen sicherlich ein gelungener „Proof of Concept“.
3. Für 4,90 EUR ins Kino
Bei diesem ebenfalls sehr publikumswirksamen Deal pries Citydeal Kinogutscheine für 4,90 EUR an, unabhängig von Faktoren wie Wochentag, Uhrzeit oder Überlange. Der Deal hatte ebenfalls Schnapperpotential, kostet ein Kinobesuch Freitagabend in Köln 12 Euro.
Wieder gab es einen Haken: Aus „markenrechtlichen Gründen“ – welche das sein könnten, kann ich mir immer noch nicht ausmalen – verwehrte Citydeal die Anschrift des jeweiligen Kinos. Der Kunde erfuhr vor dem Kauf also nur, dass er einen Gutschein für ein Kino der Kette X (z.B. UCI oder CineStar) in der Stadt Y erwirbt.
Gerade in Köln war das in meinen Augen eine große Täuschung, denn hier gibt es gar kein UCI-Kino – gemeint ist das UCI in der benachbarten Stadt Hürth, immerhin 20 Minuten Autofahrt aus der Innenstadt. Zwei Tage später hat Citydeal eingelenkt und die Anschriften der Kinos veröffentlicht. Wieso nicht gleich so?
Mein erster Eindruck nach drei Deals:
• Die Kernidee ist in der Tat gelungen und birgt klaren Mehrwert, den man als Verbraucher nicht lange suchen muss. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns mittelfristig massiv in Richtung der Rabattgesellschaft der USA bewegen, wo Gutscheine in keiner Lebens- und Einkaufslage wegzudenken sind.
• Die Teilnahme bei Citydeal ist schon jetzt bemerkenswert einfach: Konto oder Kreditkarte angeben, E-Mail drucken und gleich zum Ort des Geschehens mitnehmen. Klappt wunderbar, Einstiegshürden sind gleich null.
• Die Abwicklung der einzelnen Angebote und ihre Rahmenbedingungen muten dagegen noch chaotisch an. Hier muss man den teilweise über Nacht gegründeten Copycats fairerweise Zeit einräumen, um ihre Prozesse zu standardisieren.
• Unabhängig davon hat das Model sicher Zukunft und großes Wettbewerbspotential, greifen die Groupon-Klone doch u.a. die Monetarisierungsgrundlage von Qype und anderen lokalen Portalen an.